Wir kennen es alle: Du bist gerade entspannt am reiten und plötzlich sieht dein schreckhaftes Pferd etwas in der Ferne, was ihm nicht so ganz geheuer ist. Die Ohren spitzen sich, der Kopf hebt sich. So wirkt es mindestens zwei Meter größer. Der Körper spannt sich an und manchmal kannst du sogar den Herzschlag deines Pferdes spüren!

Als Reiter spürt man schnell eine Welle der Angst und der Anspannung, während man verzweifelt versucht, herauszufinden:

  1. Wovor hat mein Pferd gerade Angst?
  2. Wie bekomme ich seine Aufmerksamkeit zurück?-Ich fühle mich hier gerade nur als Beifahrer! 😀

Mir hilft es mich immer erst einmal tief durch zu atmen und mich daran zu erinnern, dass mein Pferd mich braucht um sich zu beruhigen.

Du musst die „Herde“ führen um die Situation sicher und effektiv zu meistern. Denn als Beutetiere sind Pferde mit einem starken Fluchtinstinkt ausgestattet und als Reiter bist du dafür verantwortlich, dass ihr beide in Sicherheit seid.

Deine Prioritäten als Reiter in dieser Situation sind also im Wesentlichen:

  • Sorge dafür, dass du und dein Pferd (und die Leute um euch) sicher sind
  • Kontrolliere deinen eigenen Flucht-, Kampf- oder Schockinstinkt
  • Gewinne die Aufmerksamkeit deines Pferdes mit ruhigen und feinen Hilfen zurück
  • Hab einen Plan, was du als nächstes tun willst
  • Lobe und beruhige dein Pferd (und dich :-P)

Ich weiß das sagt sich jetzt so einfach. Aber auf dem Pferd in einer Gefahren- und Stresssituation sind die Punkte schnell wieder vergessen.

Deswegen erkläre ich dir, wie du die 5 Schritte umsetzen kannst und welche Übungen dafür die Besten sind.

1. Sorge dafür, dass du und dein Pferd sicher sind

Meiner Meinung nach ist es am Wichtigsten, dass du dich sicher fühlst. Denn wenn du dich sicher und selbstbewusst fühlst, strahlst du das auch aus und wirkst somit beruhigend auf dein Pferd.

Ich kenne viele Reiter die sich z.B. sicherer am Boden fühlen. Wenn du dich also sicherer am Boden fühlst und dort mehr Kontrolle über dein Pferd hast, dann ist es völlig okay, wenn du absteigst.-Du musst nicht auf biegen und brechen auf dem Pferd bleiben. Du brauchst es niemanden beweisen und dich nicht schlecht fühlen, weil du abgestiegen bist. Wenn du keinen Helm trägst, setzte dir auf jeden Fall einen auf!

Mir gibt es Sicherheit, zu wissen, dass ich einen Helm trage und mein Kopf geschützt ist. Manche Reiter tragen auch gerne eine Sicherheitsweste um sich sicherer zu fühlen. Mehr zu Sicherheitswesten erfährst du in unserem Artikel über Sicherheitswesten.

2. Kontrolliere deinen eigenen Flucht-, Kampf- oder Schockinstinkt

Es ist nicht die Aufgabe deines Pferdes, dich zu beruhigen! Versuche deshalb dich selbst zu beruhigen, einen kühlen Kopf zu bewahren und ruhig durchzuatmen. Jeder hat seine eigene Technik, ruhig, selbstbewusst und rational zu bleiben. Mir helfen z.B.:

  • bewusstes Atmen,
  • lautes Singen oder sprechen mit meinem Pferd (hört sich komisch an aber irgendwie wirkt das beruhigend auf mich und meine Pferde :D),
  • den Körper entspannen (meist bin ich total angespannt wenn ich nervös bin),
  • ein aufrechter Sitz und Kopf hoch.

Probiere am besten einfach ein paar Dinge aus und mache was für dich funktioniert. Hier gibt es nicht die eine Technik.

Ich kenne viele Reiter, die einen „Tunnelblick“ bekommen, wenn ihr Pferd scheut und dann nur noch auf die Ohren oder den Hals des Pferdes fixiert sind. Das ist eine normale menschliche Reaktion auf eine Bedrohung aber leider beim reiten nicht sonderlich hilfreich. Wenn du dich dabei ertappst, versuche dich bewusst umzuschauen. Achte darauf was vor dir, neben dir oder vielleicht hinter der Ecke ist. Achte auf kleine Details in deiner Umgebung-Das hilft dir, aus dem Panikmodus herauszukommen.

Versuche außerdem daran zu denken, dass du Kontrollieren kannst was passiert. Du kannst Entscheiden wie du mit der Situation umgehst-klar manchmal funktioniert es und ein ander mal nicht.

Bei Bella hilft es zum Beispiel kurz stehen zu bleiben und sie einfach schauen lassen und gaaanz langsam auf die Bedrohung zuzugehen. Vinci hingegen ist ganz anders: lasse ich ihn stehen und er hat zu lange Zeit nachzudenken, dann wird er noch nervöser und versucht umzudrehen. Bei ihm hilft es wenn ich so tue als ob nichts wär und einfach weiter reite. So wie jeder Reiter ist auch jedes Pferd anders.

3. Gewinne die Aufmerksamkeit deines Pferdes mit ruhigen und feinen Hilfen zurück


Wenn dein Pferd fokussiert bei dir ist, dann hat es weniger Zeit zu erschrecken. Manche Pferde scheuen sogar vor Langeweile. Deswegen kann es helfen wenn du dein Pferd beschäftigst.

Gute Übungen sind: Übergänge zwischen und innerhalb der Gangarten, Seitengänge, Schlangenlinien, Volten usw. Wenn du im Gelände bist, reite aber bitte nicht in Schlangenlinien quer über die Straße 😉

Versuche außerdem dein Bein leicht am Pferd zu haben, halte einen gleichmäßigen elastischen Kontakt zum Zügel und sitze sitze aufrecht. Wenn wir in Flucht-, Kampf- oder Erstarrungszustände verfallen, nimmt unser Pferd dies sofort auf und wird noch angespannter. Ein effektiver Umgang mit deinem Pferd, bevor es die Aufmerksamkeit verliert, ist weitaus weniger stressig als proaktiv zu reiten.

Falls dein Pferd sich einfach nicht auf dich fokussieren will, ist meine bevorzugte Technik, das Pferd einfach in Bewegung zu bringen. Reite vorwärts, seitwärts oder rückwärts-egal hauptsache du bekommst eine Reaktion. Es gibt fast nichts schlimmeres als ein Pferd in Schockstarre zu dem man gar keinen Draht mehr hat. Meist fetzen die Pferde nach dieser Schockstarre auch richtig los. Ich finde der Buckler aus dem Stand ist viel schwerer zu sitzen als in der Bewegung. Deswegen versuche irgendwie den Einfluss auf dein Pferd zurückzubekommen. Wenn ihr erst mal in Bewegung seid, dann kannst du dein Pferd wieder durch deine ruhige Atmung, Hilfen und Lob beruhigen.

4. Weiß genau was du als nächstes tun willst

Wenn du mit einem Plan reitest, lenkst du nicht nur dein Pferd von der Umwelt ab sondern konzentrierst dich selbst eher auf das Reiten, als auf mögliche Gefahren. Hier geht es hauptsächlich darum einen Plan zu haben und mit gut durchdachten Hilfen alte Angewohnheiten loszuwerden. Denke darüber nach wie es laufen sollte, statt wie es nicht laufen sollte.

5. Lobe und beruhige dein Pferd (und dich)

Ich kenne kein Pferd, das nicht positiv auf Lob, freundliche Worte in einem ruhigen, gelassenen Ton und ein kleines Kratzen am Widerrist reagiert. Versuche also immer mal wieder ein paar aufbauende Worte für dein Pferd und auch dich zu finden 😉 Im Endeffekt soll reiten ja auch Spaß machen.

Sooo ich hoffe du konntest den ein oder anderen Trick mitnehmen. Schreib mir gerne ob du eine der Techniken ausprobiert hast und ob sie geholfen haben 🙂

Du willst mehr Input?

Das hier sind meine Lieblingsbücher um ein entspannterer Reiter zu werden:

Meine Empfehlung für ängstliche Reiter: Equihypnose®: Wege aus der Angst beim Reiten

In dieser Ratgeber zum Thema Angst beim Reiten findet Nicole Weber direkt einen Zugang zum Hörer. Man fühlt sich verstanden und bekommt anhand von verständlichen Beispielen einen sehr guten Leitfanden an die Hand. Anfangs war ich ziemlich kritisch und mit Sicherheit ist das Buch kein Sofort-Heilmittel für alle Angstgeplagten, doch zu meiner Überraschung fühlte ich mich schnell geerdeter und zufriedener. Einfach in mir ruhig und dies konnte ich vielleicht auch auf mein Pferd übertragen. 

  • Schritt für Schritt Anleitung
  • mit Audiodateien und Videos
  • tolle Beispiele

Meine Empfehlung für leicht zu stessende Reiter: Positiv denken – besser reiten

Das praxisorientierte Buch ist in einem lockeren Ton geschrieben, wodurch es sich leicht und flüssig lesen lässt. Die Fallbeispiele, die in dem Buch genannt werden, schaffen einen persönlichen Charakter und die vielen Bilder und Illustrationen, die auf fast jeder Seite vorhanden sind, visualisieren den Text. Ich kann das Buch mit bestem Gewissen weiterempfehlen, da mich das Buch von Anfang an gefesselt hat und ich es sofort umsetzen konnte. 

  • Tipps und Fotos von Olympiasiegerin Ingrid Klimke
  • spannend geschrieben